Hier können Sie ein paar ausgewählte Artikel lesen, die ich während meiner Zeit bei RuhrStadt Netzwerk zu verschiedenen Themen geschrieben habe. Vielleicht finden Sie sie ja interessant!

1. Live-Erlebnis einer Zug-Evakuierung

Ein echtes Abenteuer erlebte ich gestern Abend auf dem Weg nach Recklinghausen. Der Zug blieb auf einer Brücke stehen und die Insassen mussten evakuiert werden. Nach etlichen Stunden..

Ich hatte es eilig. Ich war mit Freunden verabredetet, weil wir das „Endspiel“ Sevilla – Dortmund zusammen gucken wollten. Als ich mir die Zugverbindungen im Netz angeschaut hatte, war ich positiv überrascht: 15 Minuten von Gelsenkirchen nach Recklinghausen, ich hätte mit mehr gerechnet. Nachdem ich also meine Arbeit erledigt hatte, machte ich mich kurz nach 18 Uhr auf den Weg. Am Gelsenkirchener Hbf angekommen, hatte ich noch ein wenig Zeit, kaufte ein paar Donuts für Zuhause und begab mich zum Bahnsteig. Mein Zug sollte pünktlich ankommen, wurde auch so an der Tafel angezeigt. Auf einmal springt die Tafel um, ein anderer Zug wird angesagt. „Doch keine Sorge“, dachte ich, „der wird wohl nur dazwischen gequetscht“. In der Tat war es so, mein Zug kam relativ pünktlich, die Menschen schoben sich gegenseitig hinein und ich sah mich schon ein paar Minuten später wieder aussteigen. Doch es sollte anders kommen.

Kurz vor Recklinghausen-Süd blieb der Zug mitten auf einer Brücke stehen. Nach einer kurzen Weile ertönte aus den Lautsprechern die Stimme des Lokführers, die uns mitteilte, dass es „in wenigen Minuten“ weitergehen sollte. Nach etwa 15 Minuten klang es schon ganz anders: „Aufgrund einer schwerwiegenden Störung wird sich unser Aufenthalt hier in die Länge ziehen“ – oder ähnliches. Das verhieß nichts Gutes. Eine ganze Schulklasse, die sich in unserem Wagon befand und sich immer hin- und her bewegte, machte mir das Leben auch nicht einfacher, da ich nur so einen halben Platz auf einer Gepäckablage hatte, und immer aufstehen musste, wenn jemand vorbei wollte. Die armen Teenager haben aber erzählt, dass sie schon anderthalb Stunden auf den Zug in Wanne-Eickel warten mussten, also hatte ich Mitleid und Verständnis.

Nach einer halben oder dreiviertel Stunde kam die Durchsage, dass der hintere Antriebswagen eingefroren ist – wir würden nicht wegkommen. Doch der Notfallmanager sei schon unterwegs und ein anderer Zug würde voraussichtlicher Weise kommen und uns evakuieren. Die Unruhe im Zug wurde immer deutlicher. Die armen Kids waren schon seit Stunden unterwegs, hatten noch einen Weg vor sich, mussten noch Hausaufgaben erledigen oder gar eine Deutsch-Arbeit am nächsten Tag schreiben. Da war ich doch ein wenig froh, dies hinter mir zu haben. Doch es war schon halb acht, würde ich es noch pünktlich zum Spiel schaffen?

Interessant war zu beobachten, dass, so sehr die Menschen in dem Zug mit sich selbst beschäftigt waren, sie immer mehr miteinander ins Gespräch kamen. Angefangen hat es wohl überall mit einem Fluchen über die Bahn, gefolgt von persönlichen Geschichten, wie das Schicksal die Reisenden ausgerechnet in diesen Zug geführt hat. So haben wohl recht viele auf das Einsteigen in einen vorherigen Zug verzichtet, weil er sehr überfüllt war. Dementsprechend haderten sie nun mit ihrer Entscheidung. Ich hörte nur mit einem Ohr zu, mit dem anderen hörte ich Radio. Es wurde gerade verkündet, dass die Kopfnoten für Schüler wieder abgeschafft werden sollten. Ich überlegte, ob ich es den Jungs und Mädels mal mitteilen sollte – es wäre wohl eine Nachricht, die sie freuen müsste – doch ich entschied mich dagegen und versank wieder in meiner Zeitschrift.

Auf einmal wurde es laut. Da sei ein Mädchen aus der Klasse zusammengebrochen, fing an zu heulen, wurde laut und hysterisch. Ein paar Sekunden später heulten schon mehrere von ihnen. Ich bekam mit, dass sie wohl Zucker brauche und dachte an meine Donuts. Energisch griff ich also in meine Zwölfer-Packung, nahm einen heraus, boxte mich in die Richtung durch – doch als ich ankam wurde ihr schon von allen Seiten etwas angeboten und es hieß, sie braucht, wenn überhaupt, dann nur etwas zu trinken. Also packte ich meinen Donut wieder ein und hockte mich wieder hin. Es wurde nach einem Arzt gefragt, ein junges Mädel meldete sich schüchtern, sie sei noch im Studium, aber die stabile Seitenlage bekommt sie wohl noch hin. Doch es ging auch ohne ihre Hilfe, denn die ganze Klasse wurde in den vorderen Wagon verfrachtet, dort war wohl eine Tür auf, sie bekam mehr Luft und vielleicht auch die notwendige medizinische Versorgung. Apropos Luft, es wurde in der Tat immer stickiger. Irgendjemand hatte aber einen Schlüssel, mit dem man die Fenster aufmachen konnte. Er lief von Fenster zu Fenster und machte sie alle auf. Die Frischluft tat uns allen gut.

Von meiner Position aus konnte ich die unter der Brücke durchfahrenden Autos ganz gut überblicken. Auf einmal wurde es bunt und laut, da kam ein Krankenwagen. „Ob der wohl zu uns will?“ Das wollte er. Nur eine Minute später folgten ihm ca. 2 weitere Krankenwagen und 3 oder 4 Feuerwehrwagen. Sie drehten alle einmal, blockierten die Straße und fingen an die Leiter auszufahren. „Oh Mann“ dachte ich „werden wir jetzt alle einzeln in diesem Körbchen evakuiert?“ Ähnliche Gedanken müssen wohl auch meine Reisebegleiter gehabt haben, denn es wurde wieder unruhiger. Es würde wohl auch Tage dauern alle auf diese Weise zu evakuieren, nein, das konnte nicht sein. Wozu dann aber diese Leiter? Wie sich rausgestellt hat, sollte damit das Mädchen, das den Nervenzusammenbruch hatte, evakuiert werden. Wir durften weiter auf den Ersatzzug warten. Doch der kam und kam nicht. An die zwei Stunden waren mittlerweile rum. Es war zum Verzweifeln.

Ich hatte Glück, alle dringenden Geschäfte vor meiner Abreise erledigt zu haben, hatte keinen Hunger oder Durst, dafür meine Zeitung und meine Musik, also versuchte ich mich zu entspannen. Ein wenig desinteressiert beobachtete ich die Bemühungen der Feuerwehrleute draußen und bereitete mich darauf vor, mir das Spiel wohl im Radio anhören zu müssen. Dann endlich kam der Ersatzzug. Er hielt genau neben uns, nur eine Tür wurde aufgemacht, durch die alle Menschen durchströmen mussten, also dauerte es noch eine Weile. Zum Glück sollte der Zug weiter Richtung Recklinghausen fahren und nicht wie ursprünglich gemeldet zurück nach Wanne-Eickel. Als ich in dem neuen Zug saß, kam die Nachricht im Radio, Kagawa hat in der vierten Minute das 1:0 für Dortmund gemacht. Diese Nachricht musste ich sofort an alle in der Nähe weitergeben, doch irgendwie war die Reaktion nicht wie erwartet. Na gut, immerhin kam der Zug aus Gelsenkirchen. Kurz vor zehn war ich dann beim Freund angekommen, das erste was mir mitgeteilt wurde: „Sevilla führt 2:1.“ Am Ende reichte das 2:2 nicht, Dortmund schied aus. Ein Abend zum Wegschmeißen.

2. Stuttgart 21

Der folgende Artikel setzt sich mit der Diskussion über den geplanten Umbau des Stuttgarter Bahnhofs auseinander. Dabei erhebt dieser Beitrag keinen Anspruch auf Vollständigkeit, absolute Korrektheit oder Neutralität, sondern soll als Diskussionsbasis für weitere Überlegungen verstanden werden und dem persönlichen Meinungsaustausch dienen. Ich hoffe auf eine rege Diskussion und viele verschieden Meinungen. 

Stuttgart ist mit über 600.000 Einwohnern die sechstgrößte Stadt Deutschlands, Landeshauptstadt des Landes Baden-Württemberg, Zentrum der drittgrößten Agglomeration des gesamten Bundesgebietes (ca. 2,7 Mio. Einwohner) und der Europäischen Metropolregion Stuttgart (ca. 5,3 Mio. Einwohner). Zum Vergleich: Städte wie Essen oder Dortmund haben ca. 580.000 Einwohner, sie sind die größten Städte des Ruhrgebiets (Neudeutsch: RuhrStadt mit weit über 5 Mio. Einwohnern) und gehören zum Zentrum der Metropolregion Rhein-Ruhr, die etwa 10 Mio. Menschen umfasst. Anders als das Ruhrgebiet besteht Stuttgart aus einer Kernstadt und einem großen Umfeld und gehört somit zu den klassischen monozentrischen Regionen wie Berlin, Hamburg oder München. Das Ruhrgebiet hat ganz viele (mehr oder weniger gleichberechtigte) Zentren, deswegen spricht man hier von einer polyzentrischen Region.

Stuttgart ist das Herz des Landes Baden-Württemberg und der Stuttgarter Bahnhof der wichtigste Verkehrsknotenpunkt der ganzen Metropolregion. Ein Höchstmaß an Funktionalität, Rentabilität und Komfort kommt nicht nur Stuttgart sondern der ganzen Region zugute. Doch rechtfertigen die Gründe den Umbau wirklich? Hat Stuttgart nicht schon einen sehr effizienten Bahnhof, der sogar unter Denkmalschutz steht? Und vor allem: wer soll die astronomisch hohen Kosten bezahlen? Die Bahn? Mit ihrer nach wie vor fast uneingeschränkten Monopolstellung wird sich die Bahn AG das Geld von den Reisenden zurückholen, den Rest bezahlen das Land und der Bund. Es gibt keine Privatinvestoren oder ähnliches. Auch hier zum Vergleich: der Umbau des Dortmunder Bahnhofs konnte zwei Mal aufgrund abgesprungener Privatinvestoren nicht realisiert werden, obwohl die Kosten sehr viel niedriger waren (etwa 500.000 €). Jetzt wurde er saniert und sieht nach wie vor sehr bescheiden aus. Auch der Essener Hauptbahnhof konnte nur saniert werden, die Kosten dafür betrugen insgesamt rund 57 Mio. €. Für den Umbau des Stuttgarter Bahnhofs rechnet man offiziell mit ca. 4,1 Mrd. €, erfahrungsgemäß explodieren die Kosten meist jedoch erheblich, die Gegner rechen daher locker mit 10 Mrd. €. Im Folgenden sollen die wichtigsten Gründe pro & contra gegenübergestellt werden.

Pro Stuttgart 21(vgl. http://www.stuttgart21-ja-bitte.de/staedtebau):

–          In der Mitte von Stuttgart werden 100 Hektar – eine Million Quadratmeter – kostbarste Fläche frei

–          Aufwertung der Wohn- und Geschäftsviertel in der nördlichen Mitte von Stuttgart

–          Verminderung des Zuglärms

–          Höhere Leistungsfähigkeit, Flexibilität und praktischer Nutzen des Bahnhofs mit mehr und leistungsfähigeren Zufahrtgleisen

–          Es wäre ein monumentales Projekt mit einer gewaltigen Ausstrahlungskraft auf sehr viele andere Bereiche

Contra Stuttgart 21 (vgl. http://www.kopfbahnhof-21.de/index.php?id=501):

–          Die Kosten. Sie sind nicht nur ungeheuer hoch, sondern auch falsch kalkuliert. Das ist gerade in Zeiten der Rekordverschuldungen von Bund, Land und Kommunen einfach nicht tragbar

–          Der Erhalt des Status Quo. Der Bahnhof steht unter Denkmalschutz, er ist ein architektur- und geistesgeschichtliches Kulturerzeugnis ersten Ranges, die Bäume, die abgeholzt werden sollen sind teilweise 120 Jahre alt.

–          Die Planung. Es gibt beträchtliche Bedenken zur Qualität und Funktionalität des neuen Bahnhofs, die jedoch hier nicht weiter besprochen werden sollen (vgl. ebd.)

–          Die allgemeine, mangelnde Möglichkeit zur Partizipation, also Teilhabe, an politischen Entscheidungsprozessen

Jeder dieser einzelnen Punkte wird von der Gegenseite selbst in Frage gestellt, die Diskussion lässt sich aber vielleicht auf folgende Punkte eingrenzen:

–          Die Kosten. Sie erscheinen wirklich unglaublich hoch, allerdings ist etwa eine Milliarde schon ausgegeben, wenn man jetzt abbricht, hat man eine Milliarde aus dem Fenster geworfen. Will man das?

–        Die Auswirkungen. Dieser Punkt ist vielleicht sogar noch wichtiger, es ist ein Punkt der die Grundsätze der demokratischen Legitimation politischer Entscheidungen betrifft. Wir leben in einer repräsentativen Demokratie, d.h. wir wählen Volksvertreter, die für uns die politischen Entscheidungen treffen. Die Schweizer haben dagegen eine direkte (plebiszitäre) Demokratie, bei ihnen trifft also das Volk (fast) alle Entscheidungen selbst. Wer glaubt, dass die zweite Möglichkeit die bessere ist, sollte bedenken, dass von den vielen Staaten, die in einer Demokratie leben, sich die meisten für die erste Form entschieden haben. Es gibt viele Gründe dafür, in allererster Linie läuft es aber darauf hinaus, dass es sehr gefährlich ist so viel Macht dem Volke zu überlassen, denn das Volk lässt sich manchmal sehr leicht beeinflussen. Um aber nicht allzu weit vom Thema abzuweichen: auch bei dem Projekt Stuttgart 21 gab es 60 Alternativen und (ich glaube) 11.500 Bürgerbegehren die geprüft wurden, es wurden ca. 65.000 Unterschriften gesammelt, es gibt seit Monaten wöchentliche Montagsdemonstrationen mit vielen (auch prominenten) Teilnehmern. Im Endeffekt scheint aber alles sinnlos gegenüber dem stattlichen Machtapparat zu sein, wenn die Politik es will, dann setzt sie sich durch. Dabei sind wir, das Volk, der Souverän!

–          Diese Debatte betrifft auch weitere Felder unserer demokratischen Gesellschaftsform, vor allem ist sie ein Zeugnis für eine große Unzufriedenheit und Verdrossenheit des Volkes mit den politisch Regierenden, was aber auch ein Thema für sich ist.

–          Seit dem massiven Vorgehen der Polizei gegen die Demonstranten vor etwa einer Woche hat sich ein neuer Punkt herauskristallisiert. Es ist doch so: die Zeiten haben sich ein wenig verändert, die Menschen ziehen nicht mehr „Hurra“ jubelnd in den Krieg oder nehmen Politiker als Geiseln fest; man kann sagen, das Volk an sich ist durchaus ein bisschen erwachsener geworden. Auf der Gegenseite erwarten diese erwachsenen Menschen aber auch korrekt behandelt zu werden, d.h. z.B., dass sie während einer friedlichen Demonstration nicht mit Wasserwerfern und Tränengas angegriffen werden wollen. Sicherlich gab es wieder ein paar Halbstarke die diese Situation bewusst für ihre Randale genutzt haben, aber dafür sind Polizisten nun mal da, um Ordnung zu halten. Bei manchen Einsätzen werden Polizisten schon mal verletzt, denn es ist an sich ein gefährlicher Job. Und natürlich sollten sie sich wehren dürfen, aber Gewalt seitens des Staates gegen seine Bevölkerung, diese Zeiten sollten vor allem in Deutschland so langsam der Vergangenheit angehören.

Ich selbst habe keine feste Meinung zu der Angelegenheit. Persönlich würde mich jetzt nicht wegen der paar Bäumen aufregen, vor allem da 5.000 neue gepflanzt werden sollen, auch die Kosten für den Bahnhof könnte ich unter Umständen nachvollziehen und akzeptieren, denn es ist in der Tat ein sehr beeindruckendes Projekt. Die Wirtschaftlichkeit kann ich nicht nachprüfen, aber die die demokratische Debatte und die damit verbundenen Probleme sehe ich sehr wohl mit Besorgnis.

Was mich aber wirklich auf die Palme bringt, ist die Tatsache, dass Stuttgart seinen prunkvollen Bahnhof bekommt, während uns hier im Ruhrpott gerade mal ein paar Euro für die Sanierung der alten zugestanden werden. Ich habe vor ein paar Monaten in der WAZ einen Artikel über die ungerechte Verteilung der Gelder für Strassen und Autobahnen gelesen, so bekamen wir im Vergleich zu Bayern verhältnismäßig sehr viel weniger Geld zugewiesen. Immer wieder liest man, dass die anderen anscheinend zuerst da waren oder sie sich mit mehr Nachdruck für etwas eingesetzt haben und die Verantwortlichen so lange genervt haben, bis sie eingelenkt haben. Baden-Württemberg ist uns in der strukturellen Entwicklung genauso wie Bayern um Lichtjahre voraus, trotzdem werden sie immer wieder bevorzugt, wieso ist das so? Wieso hat man nicht dieses Ufo auf dem Dortmunder Hbf gebaut? Wieso braucht man hier im Ruhrgebiet manchmal für eine Strecke von 60 Km zwei Stunden mit dem Zug? Wir sind Kulturhauptstadt, wir haben die meisten Unis an einem Fleck, genauso wie die meisten Kultureinrichtungen, aber nur deswegen weil jede Stadt ihre eigene haben muss. Wir sprechen nicht mit geeinter Stimme und stehen uns selbst im Weg. Dies soll durchaus als ein PRO für eine RuhrStadt verstanden werden. Wenn man uns mal ein paar Milliarden überlassen würde, wäre der Nutzen sehr viel größer, als er es bei Stuttgart 21 je sein wird…

3. Ein Essay zu dem RuhrStadt-Gedanken

Die Idee der Ruhrstadt ist nicht neu, doch erfährt die Thematik in letzter Zeit eine Art Renaissance, die an Stärke und Intensität augenscheinlich immer mehr zunimmt. Gleichzeitig polarisiert sie die Menschen, wie es ansonsten wohl nur ein Fußballspiel zwischen Schalke und Dortmund schafft. Es gibt glühende Befürworter und ewige Skeptiker, fanatische Idealisten und konservative Traditionalisten. Nur Wenige lässt das Thema kalt. Dabei handeln viele von denen die das Wort ergreifen aus reinen Bauchgefühl heraus, ohne sich vorher informiert zu haben, egal ob sie jetzt nun dafür oder dagegen sind. Es ist an der Zeit, die Diskussion auf eine höhere Ebene zu führen, sie auf breiteren Beinen aufzustellen, alle Meinungen ernst zu nehmen und sich mit ihnen kontrovers auseinanderzusetzen. Der folgende Beitrag versucht möglichst neutral die wichtigsten Fragen und Probleme, die mit der Idee einer großen Ruhrstadt verbunden sind, subsumierend zusammenzufassen und aufzuzählen, ohne dabei Antworten oder Lösungen auf die aufgeworfenen Fragen vorzugeben. Es soll das Fundament für eine ausführliche Diskussion sein, bei der jeder mitmachen kann, der glaubt zu den einzelnen Problemstellungen etwas konstruktives beitragen zu können.

  1. Die allererste Frage muss wohl lauten: wozu brauchen wir überhaupt eine Ruhrstadt? Welchen Nutzen erhoffen wir uns von ihr? Hilft sie uns unsere Finanzen besser in den Griff zu bekommen? Stärkt sie unsere Identität, unseren Zusammenhalt? Fällt mit ihr die Profilierung nach außen leichter? Kann mit der Ruhrstadt evtl. dem berühmten Kirchturmdenken der einzelnen Bürgermeister besser entgegengesteuert werden? Ist sie vielleicht sogar die einzige Möglichkeit, in dem Globalisierungskampf der Regionen die Profile der einzelnen Städte so zu stärken, miteinander zu verknüpfen und sie zu echten Kompetenzfeldern auszubauen, dass sie sich unter der Ruhrstadt-Fahne zu einer großen Metropolregion weiterentwickeln kann? Sind 5 Mio. Einwohner und weitere 5 Mio. aus nächster Umgebung nicht an sich schon ein enormes endogenes Potenzial, auf dem sich aufbauen lässt? Oder ist eben diese Nähe der einzelnen Städte zueinander ein Hinderungsgrund, der die Entwicklung hin zu einer echten Metropole eher verhindert als begünstigt? Klauen sich die Städte gegenseitig die wichtigen Ressourcen und die Kaufkraft ihrer Bürger auf die Art, dass es zum Ausbau und Aufbau einer großen Metropolregion gar nicht kommen kann? Stehen sich die Städte wirklich so auf den Füßen, dass die Entwicklung bestimmter hochwertiger und hochspezialisierter Angebote (wie sie in den großen Metropolen dieser Welt üblich sind) nicht möglich ist? Ist die funktionale Differenzierung zwischen den Städten so mangelhaft ausgebildet, dass sie einfach nicht zusammenwachsen können?

  2. Die zweite Frage müsste sich mit der Struktur der Ruhrstadt beschäftigen. Wollen wir die große Rhein-Ruhr Metropolregion mit über 10 Mio. Einwohnern? Oder den Kern zwischen Duisburg und Dortmund mit über 5 Mio. Einwohnern? Was passiert mit den Städten Düsseldorf und Köln? Was passiert mit dem Münsterland? Diese Regionen fühlen sich eindeutig nicht zum Ruhrgebiet zugehörig, ihnen die Mitgliedschaft aufzwingen zu wollen wäre wohl glatter Selbstmord. Des Weiteren: wie sollte diese Mitgliedschaft in konkreter Form aussehen? Wollen wir einen freiwilligen Zusammenschluss der Städte? Bei dem dann evtl. die Städte vom Projekt zu Projekt entscheiden können, ob sie sich daran beteiligen oder nicht? Wer glaubt denn dann noch, dass sich eine Stadt wie Dortmund an einem Projekt in Essen beteiligen würde? Oder würde vielleicht eine Regelung Sinn machen, die die Mitgliedschaft in der „Union“ offen lässt, doch die Austrittsbarrieren sehr hoch ansetzt? Oder sollten alle Städte zur Zusammenarbeit gezwungen werden? Sollte Ihnen dann eine übergeordnete Instanz vorgesetzt werden, die für ein harmonisches Zusammenwachsen der Städte verantwortlich wäre? Und wie sollte diese Instanz aussehen? Wer würde sie kontrollieren? Und wenn man von der Ruhrstadt spricht, ist damit dann ein Stadtstaat gemeint? Was passiert dann mit NRW? Soll es ohne die Ruhrgebietsstädte weiter existieren oder aufgelöst werden? Klar ist, dass jede neue territoriale Neustrukturierung von den betroffenen Bürgern bestätigt werden müsste. Ob das überall so klappen würde wie man es sich vorstellt ist wohl mehr als fraglich.

  3. Darüber hinaus gibt es zwei wichtige Punkte die unsere Ruhrgebietsstädte von den großen Metropolen dieser Welt unterscheiden. Zum einen leben wir in einer polyzentrischen Region, mit vielen ebenbürtigen Städten. Die Konkurrenz der Städte untereinander behindert die Entwicklung einer großen Metropole, die Dominanz einer großen Stadt würde sie zweifellos vereinfachen. Die Frage bleibt, ob dies nicht evtl. die große Stärke unserer Metropolregion sein könnte, wenn eine engere Kooperation der Städte gelingen würde. Der zweite Punkt betrifft die Tatsache, dass wir tatsächlich keine „historisch gewachsene“ Region sind, wir sind nicht Rheinland, wir sind nicht Pfalz und auch nicht Westfalen; drastisch ausgedrückt kann wohl zurecht behauptet werden, das Einzige was uns zusammenhält ist die Kohle und der Stahl. Und sofort fällt auf, dass die Anwendung der Präsensform hier eindeutig fehl am Platz ist, denn es gibt kaum noch Berg- oder Stahlarbeiter im Ruhrgebiet. Also, was hält uns zusammen? Was macht unsere Identität aus, unsere Kultur? Was ist das charakteristische an einem „Ruhrpottler“? Was unterscheidet uns von den anderen Regionen? Gibt es diesen Unterschied überhaupt? Reicht es aus um von einer eigenen Identität zu sprechen? Inwieweit ist eine eigene Identität überhaupt notwendig, damit sich die einzelnen Städte zu einer Metropole weiterentwickeln können?

  4. Je tiefer man in die Materie eindringt, desto mehr Fragen tun sich auf, vor allem demokratietheoretischer Art. Wie soll eine Ruhrstadt regiert werden? Wollen wir einen Bürgermeister, ein Parlament (das es übrigens schon gibt)? Mit ein oder zwei Kammern? Wie sollen die Vertreter gewählt werden? Wollen wir eine mächtige Instanz, die frei über die Köpfe der Städte hinaus entscheiden darf? Oder eher eine Art Koordinationsmanager, der für eine möglichst hohe Kooperation zwischen den Städten verantwortlich wäre? Wie soll die Finanzverteilung aussehen? Soll die Ruhrstadt über ein eigenes großes Budget verfügen oder eher wie die IBA fungieren und einen gewissen Anteil an dem Entscheidungsprozess haben? Wie hoch sollte dieser Anteil sein? Diese Fragen lassen sich fast beliebig fortführen, doch ist es notwendig sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sie zu konkretisieren, sie nach außen hin zu kommunizieren und publik zu machen.

  5. Eins ist offensichtlich: eine Ruhrstadt „von oben“ wird es nicht geben. Deswegen ist es so notwendig die Politiker „von unten“ unter Druck zu setzen. Das kann natürlich nur funktionieren, wenn die Basis größer und breiter wird, wir uns konsequent mit den wichtigsten Fragen auseinandersetzen und es uns gelingt die Ruhrstadt als eine echte Marke zu etablieren. Dazu braucht es mehr Initiativen, Netzwerke und dergleichen, und dazu soll auch dieses bescheidene Essay seinen Beitrag leisten. Dabei erhebt es sicherlich nicht den Anspruch der Vollständigkeit oder absoluten Korrektheit, sondern soll lediglich der Inspiration dienen, und die Leser zum mitreden anregen. Um eine halbwegs konstruktive Diskussion gewährleisten zu können, soll nochmal darauf hingewiesen werden, dass diese Diskussion nicht neu ist und es mittlerweile mehrere Seiten im Internet gibt, die sich mit dem Thema beschäftigen. Und es soll darauf hingewiesen werden, dass wir die Ängste der Menschen sehr ernst nehmen und um eine nieveauvolle Diskussion bemüht sind.

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